Kinderträume

Als ich klein war, habe ich mir immer gewünscht, wie alle anderen zu sein.

Zumindest denke ich, dass ich mir das gewünscht habe. Sicherlich ist ein Kinderleben nicht einfach und es ist noch weniger einfach, wenn Vater oder Mutter unter einer Krankheit leiden.

Und hier ist es egal, wie schlimm diese Krankheit sein mag, anders ist man dann trotzdem. Man hat einfach ein anderes Verhältnis zu den Eltern. Die einen ein Besseres, die anderen ein Schlechteres. Da spielt die Erziehung und die genetische Veranlagung eine große Rolle, aber das lass ich mal so stehen.

Während meine Kindergartenfreunde – das zog sich dann auch bis in die Grundschule – mit ihren Eltern oder Großeltern Fußball spielten oder Ausflüge zu tollen Orten machten – Skiurlaub, Freizeitpark, Schwimmbad und was es sonst noch alles gibt – musste ich entweder mitgenommen werden oder saß hier zuhause. Gefehlt hat es mir nie an etwas. Ich habe eigentlich immer das bekommen, was ich haben wollte, mit ein, zwei Abstrichen, denn alles kann man sich nun wirklich nicht leisten.

Spätestens als meine damalige beste Freundin, zu der ich auch heute noch Kontakt habe, eine Klasse wiederholte, musste ich mir neue Freunde in der Schulklasse suchen und auch damals existierten schon Rivalitäten. Ja, so früh ging das schon los.

Meinen neuen Freunden in der Klasse musste ich dann viele Male erklären, dass ich in den Sommerferien nichts unternommen habe oder eben etwas allein gemacht habe hier im Ort, meist wurde die Information abgenickt. Manchmal hat man aber auch nachgehakt, worauf ich dann nur antworten konnte: „Mein Vater hat MS, meine Mama Glasknochen und ich bin gesund“.

Dann musste ich aber auch erklären, was genau MS ist, über Glasknochen war man schnell informiert. Damals wusste ich aber überhaupt nichts über MS, ich konnte nur erläutern, dass mein Vater kein Gefühl in den Beinen hat. Ganz ohne Urlaube habe ich mein Leben natürlich nicht gelebt, bis ich ungefähr 7 war sind wir regelmäßig in die Türkei geflogen, einmal waren wir auch auf Mallorca. Das war alles, bevor mein Vater aufhören musste zu arbeiten.

Ich habe als Kind immer nur gefragt: „Papa, warum bist du noch zuhause?“, „Papa, warum hast du mir heute keine Bausteine mitgebracht“. <- Mein Vater hat früher im Bayer Werk gearbeitet in der Plastikabteilung, wie ich sie heute noch nenne, und brachte mir immer Lego-Stein-Fälschungen mit. Die haben aber vollkommen ausgereicht, bauen konnte man mit ihnen ja trotzdem, auch wenn sie eben nicht den LEGO-Schriftzug hatten und teilweise auch mit zwei verschiedene Farben über den Baustein verteilt einen Wirbel bildeten. Und ich war besessen von der wöchentlichen Tüte voll Bausteine. Ich war damals richtig beliebt, weil ich eben sooo viele Legosteine (die ja gar keine waren, aber was niemanden interessierte) besaß. Und das alles als Mädchen.

Irgendwann habe ich dann auch verstehen müssen, warum mein Vater nicht mehr arbeiten geht. Und vor allem habe ich dann begonnen, mich zu fragen, warum meine Mutter nicht arbeiten geht.

Es hört sich zwar so an, als hätten meine Eltern nie etwas mit mir unternommen außer die sommerlichen Urlaube in der Türkei, aber aufgewachsen bin ich eigentlich in der Achterbahn. Meine große Leidenschaft ist es auch heute noch, Freizeitparks zu besuchen und die Achterbahnen auszutesten. Meine erste Achterbahn betrat ich damals mit 3, meine erste Loopingachterbahn folgte dann mit 4 1/2. In dem Alter war auch mein Vater stets an meiner Seite, meine Mutter hat sich nicht getraut – verständlich: Mit Glasknochen würde ich mich auch nicht auf etwas sich drehendes und fast schon fliegendes Fahrgeschäft begeben. Nach vielen Jahren kam dann aber auch hier der Tag, an dem mir erklärt wurde, dass ich die Achterbahn alleine betreten muss. Ich war damals ziemlich enttäuscht, dass meine Eltern „nie“ etwas so Tolles mit mir unternommen haben, heute sehe ich das alles aber in einem ganz anderen Licht.

Natürlich bin ich erwachsener geworden, volljährig dazu – aber das muss ja nichts heißen – und ich bin fest der Meinung, dass mich all das, was ANDERS an mir war damals, wofür ich manchmal ausgelacht wurde oder weswegen man mich nicht verstanden hat, zu dem gemacht hat, was ich heute bin.

Als Kind habe ich nie verstehen können, wie schwer es gerade für Eltern sein muss, ihrem Kind zu sagen, dass es etwas allein tun muss, weil man selbst nicht dazu in der Lage ist oder weil einen einfach etwas daran hindert.

Jetzt weiß ich, dass Kraft, Mut und Liebe so sehr viel wichtiger im Leben sind als Geld oder Vollkommenheit.

 

Krankheiten sind Lehrjahre der Lebenskunst und der Gemütsbildung.

Novalis (1772 – 1801),
deutscher Lyriker

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s