Freitag

Papa ist schon sehr früh ins Bett gegangen, war heute mehr in sich gekehrt als sonst. Als ich das bemerkt habe, hab ich natürlich meine Mutter gefragt, ob sie wüsste, was los sei. Daraufhin hat sie mir erzählt, dass Papa wieder die Bilder von seinem damaligen, ersten Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik hatte. Ich weiß nicht, ob ich die Klinik nennen darf, aber den Ort sicherlich. Er ist damals nach seinem Nervenzusammenbruch/Krampfanfall nach nervenaufreibenden Ereignissen (Streit mit uns aufgrund seines Verhaltens) nach Düsseldorf transportiert worden. Dort wurde er in eine Gummizelle gebracht. Er hat gefroren und er hat natürlich geweint. Niemand hatte ihm da zugehört, es war wie ein Knast, so hat Papa es erzählt und Mama konnte es bestätigen, sie hatte ihn hinbegleitet und auch wieder abgeholt am nächsten Tag. So wie es aussieht ist Papa seitdem traumatisiert. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie er wieder zuhause war – ich bin gerade aus der Schule wiedergekommen – und er sah mich an und fing an zu weinen.

In diesem Moment ist für mich eine Welt zusammengebrochen. Ich habe meinen Vater noch nie weinen gesehen. Nie. Für mich war immer ein unglaublich willensstarker und beherrschter Mensch, hat nie seine Gefühle geäußert und traurig habe ich ihn auch noch nicht gesehen. Ich war so geschockt von dem Anblick, dass ich in meinem Zimmer selbst angefangen habe zu weinen. Ich wollte es nicht vor Papa, da ich auch nicht wusste, warum er geweint hat. Im ersten Moment habe ich mir vorgestellt, dass es meine Schuld war, dass er diesen Nervenzusammenbruch hatte. Ich dachte, er würde mir die Schuld geben und ich habe mir in dem Moment kurz gewünscht, nicht geboren zu sein. Meine Mutter – wie Mütter halt so sind – hat insgeheim natürlich schon meine Gedanken gelesen und stürmte in mein Zimmer, erklärte mir alles und beruhigte mich. Ich bin zu meinem Vater gegangen und habe ihn umarmt, wieder musste er weinen, aber ich wusste diesmal warum. Er war glücklich wieder zuhause zu sein, raus aus dem Terror in Düsseldorf, zuhause bei den Menschen, die für ihn da sind, die ihn wärmen, wenn ihm kalt ist, die ihm Essen geben, wenn er Hunger hat, die für ihn da sind, wenn er sie braucht. Er hat nicht nur an diesem Tag geweint. Dieser Zustand zog sich über ungefähr zwei Wochen, das Thema Klinik Düsseldorf war tabu, zu viele Erinnerungen, die Papa wieder in den unglaublich deprimierten emotionalen Zustand versetzt hätten.

Seitdem haben wir nie wieder über den Vorfall damals geredet, zu groß ist die Angst, dass schöne oder normale Momente damit zerstört werden. Und heute verliert er sich wieder in den Gedanken an den Aufenthalt in der Klinik, an das für ihn so grausame Erlebnis dort alleine, ohne uns und ohne wirkliche direkte Hilfe, mit den Nerven am Ende. Ich glaube, er hat nicht geweint, aber er hatte diesen traurigen Ausdruck, diesen wässrigen und verängstigten Blick in den Augen.

Ich will nicht, dass er wieder weint. Ich will, dass er das vergessen kann und mit uns die Zeit genießen darf.

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15.3. , Samstag

Seit gestern ist es wieder soweit. Mama und ich merken, mit Papa stimmt schon wieder etwas nicht.

Heute ist er auf alles und jeden sauer, gestern hat er Schuhe weggeworfen, die er nie getragen hat, weil er sagt, er hat nun eine Schuhgröße größer. Davor die Tage hat er immer gemeckert, wenn ich mich mit meinen Eltern unterhalten wollte. Er fühlte sich nicht angesprochen und ist dann immer in ein anderes Zimmer verschwunden.

Nach den vielen guten Wochen in letzter Zeit kommt das jetzt sehr überraschend.

Er ist wütend auf Mama, da sie meine Oma jeden Tag ins Krankenhaus fährt, zu Opa, der dort auch schon seit einigen Monaten liegt dank eines Krankenhauskeims.

Und das passiert alles schon wieder kurz vor meinen Klausuren. Ärgerlich sowas, aber man kann es sich nunmal nicht aussuchen.

Karneval

Gut, ich habe lange nichts mehr geschrieben. Viel passiert ist in den letzten Tagen nicht. 

Heute habe ich gemerkt, dass Papa wieder mehr zittert als sonst, seinen Kaffeekonsum hat er auch erheblich runtergefahren. 

Wir hatten kaum Stress die letzten Tage. Das einzige Problem ist immer noch, dass sich Papa viele neue Dinge anschaffen will und das dann auch tut, das Geld fließt momentan in Unsummen davon. Einen neuen Bürostuhl haben wir momentan, einen neuen Grill auch, der musste allerdings umgetauscht werden – Geld zurück – ist nach 1 Stunde Benutzung kaputt gegangen. 3 neue CDs hat er sich gekauft, ein neues Radio vom Trödel und heute kam dann ein neuer Wasserkocher dazu. Neuen Laminat brauchen wir auch, mit der Versicherung ist schon alles abgesprochen. Der wird aber dennoch nicht billig. Der Alte, wie sich herausgestellt hat, hat eine Wasserallergie 😉 Der wölbt sich schon seit einigen Jahren immer mehr, so dass die Wohnzimmertür manchmal einfach nicht mehr zugehen will.

MS-spezifische Vorfälle sind nicht vorgekommen. Größerer Stress auch nicht.

Hoffentlich bleibt das so, dann kann ich mich voll und ganz auf mein Abi, mein Vorstellungsgespräch am Freitag und mein Vorstellungsgespräch in der FH am 12. konzentrieren.